Weihnachtsfolge 1700,5 Humbug Kapitel 3

Hier das 3. KAPITEL von Jörg Flöttl Lindenstraße Weihnachtsgeschichte. Bitte unbedingt Teil 1 und Teil 2 zuerst lesen, falls ihr sie noch nicht kennt.

Folge 1700,5 Humbug

Kapitel 3:

Wenige Momente später begann die Standuhr erneut zu schlagen. Doch statt des üblichen Glockenklangs erklang diesmal zwei schauderhafte Donnerschläge. Volker sah dunkle Schatten draußen an der Tür vorbeiziehen. Diese öffnete sich mit ganz allmählich mit einem lauten Quietschen. Schnell zog er sich dich Decke über den Kopf.
Schwere Schritte stapften den Raum entlang, näherten sich seinem Bett. Nur noch wenige Meter musste die Gestalt jetzt von ihm weg sein. Volker überdachte seine Optionen. Wegrennen? Die Tür war blockiert. Kämpfen? Wie sollte er gegen diesen Riesen ankommen. Wenn er nur halb so groß war, wie sein Schatten, war er ihm chancenlos unterlegen.
Wenige Momente spürte er bereits den Atem des Geistes ihm entgegenhauchen. Volker sah den Schatten einer Hand die eine Ecke seiner Bettdecke ergriff. Mit einem Ruck zog das Wesen die Bettdecke zur Seite und Volker starrte regungslos in eine Fratze.

„Du?“, fragte er ungläubig. „Der Geist der zukünftigen Weihnacht ist Jack?“
„Ach nee… Wen hast du denn erwartet? Den Räuber Hotzenplotz? Freddie Krüger? Stalker Timo?“
„Aber der Geist der Gegenwart sagte, dass du so grauenhaft sein sollst. Vor dir hab ich aber keine Angst.“
„Na, unterschätz mich mal nicht“, schmunzelte Jack. „Aber gut, wenn alles so easy für dich ist, dann kannste mit mir ja nen Abstecher in die Zukunft machen. Ich muss dir nämlich da was zeigen“.
Volker nickte und schloss die Augen. „Na los“, rief er. „Schnipps schon mit den Finger und bring uns dorthin, wo du uns hinbringen möchtest“.
Jack sah ihn entgeistert an. „Volker, der Zeitreise-Rollstuhl vom Dressler steht draußen vor der Tür. Du musst schon mitkommen. Hintragen werd ich dich nicht.“
„Zeitreise-Was?“, fragte Volker stutzend… „Ach ja“, erklärte Jack. „Den kennst du ja auch noch nicht. Den hat der Doc in einer der Wochen erfunden, als ihr mal wieder nicht gesendet habt. Seitdem kam er schon einige Male zum Einsatz, aber meistens mehr so in euren Sommerpausen“. Volker nickte verwirrt und folgte Jack auf die Straße vor seinem Haus.

Dort parkte tatsächlich Dresslers Ersatz-Rollstuhl, aufgemotzt mit einem Fluxkompensator.
„Ok, jetzt die Schutzbrille aufziehen“, erklärte Jack. „Dann noch die Gummihandschuhe über den Kopf ziehen und jetzt mit den Armen wackeln, als wärst du ein Vogel und wolltest fliegen.“ Volker tat, wie ihm geheißen, doch es passierte nichts. „Das funktioniert nicht“, schimpfte er.
„Natürlich funktioniert das nicht, aber meine Follower auf Instagram lachen sich einen Ast, wenn sie dieses Video von uns beiden sehen. Bitte recht freundlich“, alberte Jack und hielt Volker die Kamera vor die Nase.
„Eigentlich reichts, wenn ich hier hinten die Knöpfe drücke“. Kaum sprach sie es aus, hörte Volker ein Klicken im Rückenbereich seines Rollstuhls und er und Jack wurden durch einen Zeittunnel voll Blitze gesogen.

Als Volker wieder etwas erkennen konnte, standen sie in der Ruine der Lindenstraße. Die Häuser waren eingefallen. Einige Buchstaben des Astors waren heruntergefallen. Oder waren sie heruntergerissen worden? Der Hauseingang der Nummer 3 sah aus, als wenn eine Bombe eingeschlagen hatte. Kein Stein stand mehr auf dem anderen.
„Was ist hier passiert?“, fragte Volker. „Warum sieht es hier so aus?“
„Es sieht nicht nur hier so aus“, erklärte Jack. „Ganz Deutschland ist im Arsch.“
Volker wirkt verwirrt. „Wer war das?“
Jack zeigt auf die Buchstaben des Astors. Erst jetzt fiel ihm auf, dass nicht nur Buchstaben entfernt, sondern auch ein S hinzugefügt wurde.

„SS“ liest Volker und sein Gesicht wurde weiß.
„Die Absetzung der Lindenstraße war nur der Anfang“, erklärt Jack. „Nach und nach verschwanden aus dem öffentlich rechtlichen Fernsehen kritische Fernsehsendungen, was rechten Gruppierungen wie der AFD immer mehr Möglichkeiten gab, für ihr menschenverachtendes Programm zu werben und die Stimmung im Land zu vergiften. Wer sich nicht der AfD anschloß, war politischer Feind und wurde verhaftet. Menschen, die kritisch sich äußerten, wurden verschleppt und vermutlich getötet. Privatfernsehen wurde verboten. Die öffentlichen Kanäle wurden genutzt, um Propaganda zu verbreiten und Menschen gegen andere Menschen aufzuhetzen. Irgendwann waren wir wieder so weit, dass wir anderen Ländern den Krieg erklärten. Seitdem befinden wir uns im dritten Weltkrieg.“

Volker rang um Worte, wusste aber nicht, was er darauf sagen sollte.
„Es ging bei den Protesten von 2019 nicht nur um die Absetzung der Lindenstraße. Es ging um Meinungsfreiheit und einer Fernsehlandschaft, die sich traute, rechten Gesinnungen die Stirn zu bieten und Menschlichkeit vorzuleben. Durch die Abschaffung dieser Schlachtschiffe im deutschen Fernsehen öffnete man dem Faschismus Haus und Hof“.

„Was kann ich tun?“, fragte Volker. „Du?“, fragte Jack schnippisch. „Es ist zu spät. Die Zukunft ist bereits eingeleitet. Die Absetzung der Lindenstraße ist verkündet. Andere Programme werden folgen. Daran ist nichts mehr zu ändern“.
„Aber das muss doch nicht sein“, rief Volker. „Ich kann ihnen einen neuen Vertrag anbieten. Über 5 Jahre. Oder über 10. Oder ganz ohne Befristung…“

In diesem Moment erfüllte das Dröhnen von Maschinen die Stille über dem Gelände des WDR. Flugzeuge tauchten am Himmel auf und warfen Bomben über den Gelände ab.
„Geist der zukünftigen Weihnacht“, rief Volker. „Jack, bring mich bitte zurück. Lass mich hier nicht sterben“. „Es ist zu spät“, flüsterte Jack und Sekunden später detonieren die Bomben. Volker wirbelte durch die Luft und schlug mit einem lauten Schlag unter Schmerzen auf.

Als Volker die Augen öffnet, lag er jedoch nicht in der Ruine der Lindenstraße, sondern auf dem Boden seines Schlafzimmers neben dem Bett. Erschrocken spang er auf. Er muss etwas tun. Die SS, sie werden sicher gleich kommen und auch seine Tür eintreten. Und sie werden ihn wegschleifen, wie sie es mit so vielen anderen getan haben…
Er öffnete die Fensterläden und blickte nach draußen. Es war noch früh am Morgen und die Sonne ging gerade auf. Ein kleiner Junge spazierte draußen am Gartenzaun vorbei.
„Hey Junge“, ruft Volker. „Welcher Tag ist heute?“
„Heute ist der 24. Dezember“, grinste der Junge. „Frohe Weihnachten!“
„Aber das Jahr?“, fragte Volker nervös. „Na 2018.“
„2018?“, jubelte Volker. „Dann ist es noch nicht zu spät. Ich kann noch etwas ändern…“
Noch im Schlafanzug griff er sein Telefon und wählt eine Nummer.
„Guten Morgen“, flötete er ins Telefon. „Spreche ich mit Hana Geißendörfer?“
„Am Apparat“.
„Frau Geißendörfer, dürfte ich sie heute morgen auf ein Weihnachtsfrühstück einladen“, rief Volker gut gelaunt ins Telefon. „Ich glaube, Sie und ich haben heute noch ein Weihnachtswunder zu vollbringen.“